Schwindelattacken: Der Weg führt Betroffene oft erst spät zum Neurologen

Da war sie wieder, die Schwindelattacke, die so vielfältige Ursachen haben kann, dass selbst Experten hin und wieder vor einer großen diagnostischen Herausforderung stehen. Doch oft ist die Ursache auch eher lapidar.
“Manchmal, wenn ich den Kopf in den Nacken lege und dann wieder geraderichte, dreht sich alles. Ich vermute, dass sich da ein Nerv zwischen den Wirbeln verklemmt hat, der diesen Schwindel auslöst.” Thomas B., ein Mann Ende vierzig, sportlich, hatte über mehrere Tage kurze, aber heftige Schwindelattacken, die sogar drohten, ihn von den Füßen zu holen.

Wandern Sie zum Neurologen

Mehrere Tage im Krankenhaus und Untersuchungen von Orthopäden, Kardiologen und Radiologen brachten kein Ergebnis, das die Attacken begründet hätte. Die Mediziner untersuchten die Halswirbel, das Herz und sogar die Blutversorgung des Gehirns und per MRT auch das Gehirn selbst. Nichts. Alles, wie es sein soll.

“Am vierten Tag kam dann ein Neurologe zu mir”, erinnert sich Thomas B. Dass ein Nerv zwischen den Wirbeln eingeklemmt sei, schloss der Arzt sofort aus. Anhand einer recht einfachen Untersuchung, bei der der Neurologe den Patienten an den Kopf fasste und ihn aus sitzender Position erst schnell auf die eine, dann auf die andere Seite legte und ihn dazwischen mit den Augen den Zeigefinger des Arztes fixieren ließ, stellt sich heraus, dass Thomas B. an einem sogenannten “gutartigen Lagerungsschwindel” litt, der mit gymnastischen Übungen therapierbar ist. 

Wandern Sie zum Neurologen

“Es kommt häufig vor, dass Hausärzte einen Patienten mit Schwindelsymptomen erst in letzter Konsequenz zu einem Neurologen überweisen”, sagt der Bünder Neurologe und Psychiater Dr. Frank Heinemann. Stattdessen würden als erstes teure Untersuchungen vorgenommen, die zu keinem Ergebnis führten, weil erst einmal von schlimmeren Ursachen ausgegangen werde. 

Heinemann plädiert in diesem Zusammenhang dafür, als Erstes häufige und einfach zu diagnostizierende Ursachen auszuschließen, bevor eine teure und aufwendige Diagnose-Maschinerie in Gang gesetzt wird, die dem Patienten außerdem noch lange Wartezeiten beschert, in denen ihn die Ungewissheit belastet, ob er an einer schweren Erkrankung leidet.


Die Ursache für die Schwindelattacken 

Die Ursache für die Schwindelattacken bei Thomas B. ist harmlos, wenn auch äußerst unangenehm. Bei ihm lösten sich kleine Kalziumkristalle im mit Flüssigkeit gefüllten Gleichgewichtsorgan ab, die in die Bogengänge des Innenohrs gelangten. Bei entsprechenden Kopfbewegungen schwanken diese Kristalle hin und her. Die Folge ist, dass dem Gehirn eine Bewegung signalisiert wird, die von keinem anderen Sinnesorgan wahrgenommen wird.Aber Thomas B. ist mit diesen Symptomen sicher nicht allein. Jeder zehnte Patient klagt beim Hausarzt über Schwindelgefühle. Bei älteren Patienten nehmen diese Störungen im Gleichgewichtssystem noch einmal deutlich zu. 

schwindel

Wie hoch die Kosten sind, die durch unnötige Untersuchungen von Schwindelsymptomen entstehen – wenn also am Ende auf einfache Weise beispielsweise ein gutartiger Lagerungsschwindel festgestellt wird – ist ungewiss. Die Krankenkassen führen hierüber keine spezielle Statistik. 

Allein bei Schwindelpatient Thomas B. ist aber der einfachen – und günstigen – Untersuchung durch den Neurologen ein Belastungs-EKG, eine Röntgenaufnahme der Halswirbelsäule, eine Ultraschalluntersuchung der Blutgefäße zum Gehirn und zuletzt noch eine Magnetresonanztomographie (MRT) des Gehirns vorausgegangen. Kosten, die allein bei ihm irgendwo zwischen 1.000 und 2.000 Euro liegen können. 

Dass dies offenbar gängige Praxis ist, bestätigt auch der Neurologe und Leiter des Deutschen Schwindel- und Gleichgewichtszentrums in München, Professor Dr. Klaus Jahn: “Das ist die alltägliche Erfahrung: viele Patienten haben eine Odyssee von Arztbesuchen hinter sich, bevor die Diagnose gestellt wird. Viele Diagnosen lassen sich aber mit wenigen Fragen und einfachen Untersuchungsschritten schnell diagnostizieren und – noch wichtiger – rasch erfolgreich behandeln. Das Symptom Schwindel fällt zwischen die traditionellen medizinischen Fächer, so dass nicht selten zunächst der falsche Facharzt aufgesucht wird.” 

Und weiter: “Die primären Ansprechpartner nach dem Hausarzt sollten HNO-Arzt und Neurologe sein. Andere Disziplinen spielen nur in der Minderheit der Fälle eine große Rolle bei der Diagnose und Therapie von Erkrankungen mit dem Leitsymptom Schwindel”, so Professor Klaus Jahn. 


Schwindelsymptome

Schwindelsymptome können aber auch schwerwiegendere Ursachen haben, bei denen komplexe Untersuchungsmethoden absolut nötig sind. “Kommen aber keine äußeren Verletzungen, beispielsweise im Schädelbereich, oder Vorerkrankungen in Betracht, gehen Neurologen erst einmal vom gutartigen Lagerungsschwindel aus”, so Dr. Frank Heinemann. 

Thomas B. war nach viertägigem Krankenhausaufenthalt erleichtert. Die Kalziumkristalle hat er durch gezielte Bewegungs- und Lagerungsübungen des Kopfs wieder aus den Bogengängen seines Innenohrs hinausbefördert und auch bis jetzt – Monate später – sind die Symptome nicht wieder aufgetreten. Eines kann er allerdings gut verstehen: “Wer eine solche Schwindelattacke selbst erlebt hat, kann schnell in Panik geraten, in der man dazu neigt, das Schlimmste zu befürchten.”

1 Star2 Stars3 Stars4 Stars5 Stars (1 votes, average: 5.00 out of 5)
Loading...

Leave a Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *