Wundermittel gibt es nicht, Hautärzte können aber in vielen Fällen helfen

Geheimratsecken und Glatzen sind in der Regel Männersache. Doch auch viele Frauen haben Probleme damit, dass ihre Haarpracht schwindet: Etwa 40 Prozent leiden im Laufe ihres Lebens zumindest zeitweise an Haarausfall, wie Tobias W. Fischer, Experte für klinische Haarforschung an der Hautklinik des Universitätsklinikums Schleswig-Holstein in Lübeck, erklärt. Angela Stoll berichtet.
Der Leidensdruck der betroffenen Frauen ist groß: Während männliche Glatzen fast als normal gelten, ziehen Frauen mit schütterem Haar oft Blicke auf sich. In vielen Fällen können Hautärzte aber helfen. 

Von jeher gelten Haare als Zeichen von Schönheit und Vitalität. Daher ist es beunruhigend, am Kamm und in der Dusche viele Haare zu finden. Oft sind die Sorgen aber unbegründet: “Einige Haare zu verlieren ist ganz normal”, sagt die Ärztin Kathrin Hillmann vom Haarkompetenzzentrum der Charité in Berlin. Bis zu etwa 100 Haare dürfen täglich ausfallen, ohne dass man sich Gedanken machen muss. “In einigen Fällen ist es sinnvoll, dass Patientinnen ihre ausfallenden Haare zählen. Hierbei wird der Betroffenen vorher durch den Arzt erklärt, wie sie ausgefallene von abgebrochenen Haaren unterscheiden kann, da letztere Haare nicht gezählt werden dürfen. Aufs Haarezählen versteifen sollte man sich aber nicht”, betont sie. Aufschlussreich ist manchmal auch ein Zupftest: Zieht man an einer Haarsträhne und hält dann gleich fünf, sechs lose Haare in der Hand, ist das ein Grund, zum Hautarzt zu gehen. 

Oft handelt es sich in solchen Fällen um “diffusen Haarausfall”, der Frauen besonders häufig betrifft: Über den ganzen Kopf verteilt fallen dann überdurchschnittlich viele Haare aus. Das kann verschiedene Gründe haben: “Bei Frauen ist dafür Eisenmangel eine der häufigsten Ursachen”, sagt Fischer. Aber auch eine Fehlfunktion der Schilddrüse, Autoimmunerkrankungen, bestimmte Medikamente oder hormonelle Umstellungen können schuld am Haarverlust sein. 

Saisonale Schwankungen

kreisrunden Haarausfall

Ist das Problem beseitigt, normalisiert sich der Haarwuchs in der Regel wieder. Diese Erfahrung machen viele Frauen auch nach einer Schwangerschaft: Nach der Geburt verlieren sie auf einmal beängstigend viele Haare – doch ein paar Wochen später ist der Spuk vorbei. Daneben gibt es Menschen, die stark auf Jahreszeiten reagieren: “Man hat bei einer Analyse von 800 Frauen festgestellt, dass Haarausfall im April und Juli gehäuft auftritt. Das ist wie eine Art Fellwechsel”, sagt Fischer. “Diese saisonalen Schwankungen lassen sich schwer erklären. Wahrscheinlich haben sie damit zu tun, dass sich infolge der zunehmenden Tageshelligkeit auch der Tag-Nacht-Rhythmus und der Melatonin-Spiegel ändert.” Dieses Hormon wird während der kurzen, dunklen Tage im Winter verstärkt ausgeschüttet und beeinflusst das Haarwachstum.Auch beim sogenannten kreisrunden Haarausfall, den man an einer fest umgrenzten, kahlen Stelle erkennt, geben sich die Probleme oft von selbst. Bei dieser Form von Haarausfall, die häufig schon Kinder betrifft, greift die körpereigene Immunabwehr offenbar die Haarfollikel an. Nach ein paar Monaten wachsen die Haare nicht selten von selbst wieder nach. Ansonsten kann der Arzt kortisonhaltige Mittel oder Zinktabletten verschreiben. 

Scheichender Verlauf ist tückisch

Bei der häufigsten Form von Haarausfall, der anlagebedingten Alopezie, lösen sich die Probleme aber nicht mit der Zeit. Im Gegenteil: Ohne Behandlung können die Haare allmählich dünner werden, so dass die Kopfhaut immer stärker durchschimmert. Bis zu 80 Prozent der Männer und 30 Prozent der Frauen in Europa leiden im Laufe ihres Lebens an dem Problem. 

Tückisch ist der schleichende Verlauf. So erklärt der Haarexperte Fischer: “Man stellt hier häufig gar keinen massiven Haarausfall fest. Stattdessen entwickelt sich langsam über Jahre hinweg eine Lichtung, bei Frauen vor allem am Oberkopf.” Dieses Erscheinungsbild ist so typisch, dass dem Hautarzt in der Regel ein Blick auf den Kopf genügt, um das Problem zu erkennen. 
Wer durch bestimmte Gene vorbelastet ist, bei dem reagieren die Haarfollikel überempfindlich auf männliche Geschlechtshormone. Bei den betroffenen Frauen ist das Enzym Aromatase, das das männliche Hormon Testosteron in Östrogen umwandelt, weniger aktiv. Unter dem Einfluss männlicher Hormone beginnen die Haarfollikel zu schrumpfen, so dass die Haare immer dünner werden. 

Nebenwirkung zu Nutze gemacht

Immerhin gibt es ein Mittel, das bei den meisten Frauen mit diesem Problem hilft, nämlich Minoxidil. Es ist auch das einzige Präparat, das bei Frauen in der europäischen Leitlinie zur Behandlung der anlagebedingten Alopezie empfohlen wird. 

Eigentlich ist Minoxidil als Blutdrucksenker auf den Markt gekommen. Dass das Mittel auch die Haare wieder sprießen lässt, ist eine eher zufällige Nebenwirkung, die man sich später zunutze machte. So wurde ein Haarwuchsmittel zum Auftragen auf die Kopfhaut entwickelt, das in Deutschland in einer zweiprozentigen Konzentration für Frauen auf dem Markt ist (Produktname “Regaine Frauen”). Zweimal täglich angewandt, stoppt es Fischer zufolge bei etwa 80 Prozent der haarausfall bei frauen. Oft sprießen sogar wieder mehr Haare. 

Die Handhabung könnte in Zukunft einfacher werden: Statt zweimal täglich die zweiprozentige Lösung zu verwenden, reicht es offenbar auch, einmal einen fünfprozentigen Schaum, der bislang nur für Männer zugelassen ist, aufzutragen. “Wir haben bei einer eigenen Studie gesehen, dass das Mittel dann ähnlich gut wirkt”, sagt Hillmann. Da es für Frauen aber nicht zugelassen sei, dürfe es nur in ausgewählten Fällen und mit Zustimmung der Betroffenen empfohlen werden (“Off-label-Gebrauch”), betont sie. 

haarausfall bei frauen

Manchen Frauen helfen auch Mittel mit dem Hormon Alfatradiol (zum Beispiel “Pantostin” oder “Ell-Cranell”), die einmal täglich angewandt werden müssen. Auch wenn die Wirkung wissenschaftlich unterschiedlich bewertet wird, geht der Haarexperte Fischer davon aus, dass diese östrogenhaltige Tinktur in frühen Stadien von anlagebedingtem Haarausfall helfen kann.
Östrogene zum Einnehmen empfehlen die Verfasser der Leitlinie nur bei Patientinnen mit Hormonstörungen. Ein Überschuss an männlichen Hormonen lässt sich zum Beispiel an Haarwuchs im Gesicht (“Damenbart”) oder an den Brüsten erkennen. “Frauen, die an keiner hormonellen Dysfunktion leiden, profitieren nicht von Hormon-Präparaten”, sagt Hillmann. Auch mit einer Hormonersatztherapie in den Wechseljahren könne man dem Haarausfall nicht vorbeugen.

Ob die unzähligen anderen Tinkturen, Shampoos und Pillen, die in Drogeriemärkten und Apotheken als Haarwuchsmittel angeboten werden, etwas bringen, ist wissenschaftlich nicht erwiesen. In manchen Fällen gibt es Hinweise auf eine mögliche Wirkung, so etwa bei Koffein: “In der Laborforschung hat sich gezeigt, dass koffeinhaltige Lösungen das Haarwachstum stimulieren”, sagt Fischer.

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